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Gemmomazerate in der Frauenheilkunde
Gemmomazerate zwischen Erfahrungswissen und präklinischer Forschung
Die Gemmotherapie ist ein komplementärmedizinisches und erfahrungsmedizinisches Verfahren, bei dem Auszüge aus frischen Knospen und jungen Trieben verwendet werden. In naturheilkundlichen Zusammenhängen werden solchen Präparaten verschiedene Einsatzgebiete zugeschrieben. Für gynäkologische Anwendungen, etwa bei Zyklusbeschwerden oder in den Wechseljahren, ist die klinische Evidenz jedoch begrenzt. Die folgenden Pflanzenprofile beschreiben deshalb traditionelle beziehungsweise erfahrungsmedizinische Zuordnungen und den verfügbaren präklinischen Forschungsstand. Sie sind keine leitliniengestützten Therapieempfehlungen.
Historischer Hintergrund: Von der Phytoembryotherapie zur Gemmotherapie
Der belgische Arzt Pol Henry (1918–1988) gilt in der gemmotherapeutischen Fachliteratur als Begründer der modernen Phytoembryotherapie. Seit den 1950er Jahren entwickelte er ein Verfahren, bei dem frische Knospen, junge Triebe und andere teilungsaktive Pflanzenteile in einer Alkohol Glycerin Lösung verarbeitet werden. Der später gebräuchliche Begriff Gemmotherapie wird mit dem französischen Arzt Max Tétau verbunden.
Diese historische Entwicklung beschreibt die Herkunft des Verfahrens. Sie ist kein Nachweis einer therapeutischen Wirksamkeit. Auch die rechtliche Einordnung einzelner Präparate erlaubt keine allgemeine Aussage über ihre klinische Wirksamkeit bei gynäkologischen Beschwerden.
Herstellung und Stand der Forschung
Knospen und junge Triebspitzen bestehen aus teilungsaktivem Pflanzengewebe. Ganz beschreibt die Verarbeitung frischer Pflanzenteile in einer Alkohol Glycerin Lösung sowie die anschließende Filtration und Verdünnung. Solche Angaben charakterisieren die Herstellung. Sie belegen weder eine besondere Bioverfügbarkeit noch eine therapeutische Wirkung beim Menschen.
Die frei zugängliche Studie von Allio und weiteren Forschenden untersuchte Extrakte aus Knospen der Silberlinde an kultivierten Hippocampusneuronen von Mäusen. Die beobachteten Effekte wurden unter anderem mit GABAA Rezeptoren und Benzodiazepin Bindungsstellen in Verbindung gebracht. Das ist ein präklinischer In vitro Befund. Daraus lassen sich weder eine Wirkung bei Frauen noch eine klinische Wirksamkeit bei Schlafstörungen, Angst, Zyklusbeschwerden oder Wechseljahresbeschwerden ableiten.
Für die im Beitrag beschriebenen gynäkologischen Einsatzgebiete enthalten die beiden verbleibenden Quellen keine klinischen Wirksamkeitsnachweise.
Traditionelle Zuordnungen und Evidenzgrenzen auf einen Blick
| Pflanze | Einordnung im Beitrag | Stand der beiden zugänglichen Quellen |
| Himbeere Rubus idaeus | Erfahrungsmedizinische Zuordnung, keine Therapieempfehlung | Kein klinischer Wirksamkeitsnachweis für gynäkologische Beschwerden |
| Silberlinde Tilia tomentosa | Erfahrungsmedizinische Zuordnung und präklinischer Forschungsbefund | Untersuchung an kultivierten Mausneuronen, keine klinische Studie |
| Preiselbeere Vaccinium vitis-idaea | Erfahrungsmedizinische Zuordnung, keine Therapieempfehlung | Kein klinischer Wirksamkeitsnachweis für Beschwerden nach der Menopause oder Osteoporose |
| Schwarze Johannisbeere Ribes nigrum | Erfahrungsmedizinische Zuordnung, keine Therapieempfehlung | Kein klinischer Wirksamkeitsnachweis für Entzündungen oder gynäkologische Beschwerden |
| Heckenrose Rosa canina | Im bisherigen Beitrag genannt, im Folgenden nicht als Mittelprofil verwendet | Kein klinischer Wirksamkeitsnachweis für PMS, Kopfschmerz oder eine sogenannte Immunstärkung |
Pflanzenprofile und Aussagegrenzen
Rubus idaeus: erfahrungsmedizinische Zuordnung
Rubus idaeus wird in der Gemmotherapie traditionell mit dem weiblichen Zyklus und hormonellen Übergangsphasen in Verbindung gebracht. Die beiden verbleibenden Quellen enthalten jedoch keine klinische Studie zu Rubus idaeus. Aussagen über eine Regulation der Ovarialfunktion, einen Ausgleich von Östrogen und Progesteron, eine krampflösende Wirkung, eine Zyklusnormalisierung oder eine Vorbeugung von Osteoporose sind damit nicht belegt. Aus dieser erfahrungsmedizinischen Zuordnung lässt sich keine Empfehlung zur Behandlung von PMS, Dysmenorrhö oder Wechseljahresbeschwerden ableiten.
Differenzialdiagnostischer Hinweis
Wiederholte azyklische Blutungen, plötzlich einsetzende starke Blutungen oder anhaltende Beschwerden benötigen unabhängig von einer komplementären Anwendung eine gynäkologische Abklärung. Dabei können unter anderem Myome, Endometriose, eine Endometriumhyperplasie oder maligne Prozesse abzuklären sein. Gemmomazerate ersetzen keine Diagnostik oder notwendige Behandlung.
Tilia tomentosa: präklinischer Befund ohne klinischen Wirksamkeitsnachweis
Tilia tomentosa wird in gemmotherapeutischen Zusammenhängen traditionell bei Unruhe und Schlafbeschwerden genannt. Allio und weitere Forschende untersuchten einen Knospenextrakt der Silberlinde ausschließlich an kultivierten Hippocampusneuronen von Mäusen. Die beobachtete Hemmung neuronaler Aktivität und die Beteiligung von GABAA Rezeptoren beziehungsweise Benzodiazepin Bindungsstellen sind präklinische In vitro Befunde.
Die Studie untersuchte weder Frauen noch Menschen mit Schlafstörungen, Angst oder Wechseljahresbeschwerden. Sie belegt keine klinische Wirksamkeit, keine sichere Dosierung und keine Überlegenheit gegenüber einer Behandlung. Auch für eine Kombination mit Rubus idaeus liegt in den beiden verbleibenden Quellen kein klinischer Nachweis vor.
Hinweis zur psychischen Gesundheit
Schwere Angstzustände, Panikattacken, anhaltende depressive Beschwerden oder Suizidgedanken benötigen zeitnahe professionelle Hilfe. Bei akuter Selbstgefährdung ist sofort der Notruf zu wählen. Ein Gemmomazerat ist kein Ersatz für psychiatrische oder psychotherapeutische Diagnostik und Behandlung.
Vaccinium vitis idaea: erfahrungsmedizinische Zuordnung
Vaccinium vitis idaea wird in der Gemmotherapie erfahrungsmedizinisch mit der Zeit nach der Menopause in Verbindung gebracht. Die beiden verbleibenden Quellen enthalten dazu keine klinische Studie. Behauptungen über östrogenähnliche Wirkungen, eine Behandlung von Ovarien, Myomen oder Gewebeveränderungen, eine verbesserte Kalziumaufnahme oder eine Vorbeugung von Osteoporose werden deshalb nicht übernommen. Ebenso lässt sich daraus keine Kombination, Einnahmefolge oder Behandlungsdauer ableiten.
Ribes nigrum: erfahrungsmedizinische Zuordnung
Ribes nigrum wird in der Gemmotherapie erfahrungsmedizinisch als Bestandteil von Kombinationen beschrieben. Die beiden verbleibenden Quellen belegen jedoch weder eine Stimulation der körpereigenen Kortisolsynthese noch eine entzündungshemmende, immunmodulierende oder verstärkende Wirkung beim Menschen. Sie stützen auch keine Behandlung entzündlicher gynäkologischer Erkrankungen. Aus ihnen lassen sich keine bevorzugte Tageszeit, Einnahmereihenfolge oder Kombination ableiten.
Aus der Praxis: Ein Fallbeispiel
Patientin, 46 Jahre.
Vorgeschichte:
Absetzung oraler Kontrazeptiva nach 18 Jahren, seitdem unregelmäßiger Zyklus (25 bis 38 Tage), starke Dysmenorrhö, ausgeprägte prämenstruelle Reizbarkeit und Mastodynie.
Zusätzlich: Ein und Durchschlafstörungen, Hitzewallungen in der Lutealphase.
Gynäkologisch: kein pathologischer Befund.
Begleitender multimodaler Kontext:
Der dokumentierte Fall stand in einem mehrteiligen Begleitkontext. Im selben Zeitraum wurden Ribes nigrum, Rubus idaeus und Tilia tomentosa verwendet. Konkrete Angaben zur Dosierung, zu Mengen und zur Einnahme werden nicht wiedergegeben. Weitere mögliche Einflussfaktoren wurden nicht standardisiert oder kontrolliert.
Beobachteter zeitlicher Verlauf:
Nach sechs Wochen beschrieb die Patientin die Dysmenorrhö und Hitzewallungen als weniger ausgeprägt sowie den Schlaf als ruhiger. Nach drei Monaten wurde ein Zyklusintervall von 28 bis 30 Tagen dokumentiert. Die Mastodynie trat nach ihrer Schilderung noch vereinzelt und weniger intensiv auf.
Einordnung:
Da mehrere Präparate im selben Zeitraum verwendet wurden und weitere nicht kontrollierte Einflussfaktoren den Verlauf mitbestimmt haben können, lässt sich die zeitliche Beobachtung weder einem einzelnen Bestandteil noch der Kombination ursächlich zuordnen. Sie erlaubt keine Aussage über eine allgemeine Wirksamkeit und keine Empfehlung zur Übertragung auf andere Personen. Das Fallbeispiel ist kein klinischer Wirksamkeitsnachweis.
Anwendung und Aussagegrenzen
Gemmomazerate werden je nach Produkt als Spray oder Tropfen angeboten. Produkte können sich in Zusammensetzung, Konzentration, Alkoholgehalt und Anwendungshinweisen unterscheiden. Aus den beiden verbleibenden Quellen lässt sich keine evidenzbasierte Standarddosierung, Einnahmehäufigkeit, Behandlungsdauer oder Kombination für gynäkologische Beschwerden ableiten. Maßgeblich sind die Angaben des jeweiligen Produkts und eine individuelle fachliche Beurteilung. Dieser Beitrag enthält keine Therapie, Dosierungs oder Einnahmeempfehlung.
Sicherheit und individuelle Abklärung
Je nach Produkt können insbesondere der Ethanolgehalt, einzelne Pflanzenbestandteile, eine Schwangerschaft, bestehende Erkrankungen oder gleichzeitig verwendete Arzneimittel relevant sein. Die beiden verbleibenden Quellen bieten keine vollständige Grundlage zur Beurteilung von Gegenanzeigen, Wechselwirkungen und Anwendung in der Schwangerschaft. Eine pauschale Aussage, dass keine relevanten Wechselwirkungen bestehen, ist daher nicht möglich. Vor einer Anwendung sollten die jeweilige Produktinformation sowie medizinischer oder pharmazeutischer Rat berücksichtigt werden.
Differenzialdiagnostik und Grenzen
Zyklusveränderungen, starke oder ungewöhnliche Blutungen, ausgeprägte Schmerzen, neu auftretende Beschwerden und anhaltende Symptome benötigen eine medizinische Abklärung. Endometriose, Myome, Ovarialzysten, hormonabhängige Tumoren und maligne Prozesse dürfen durch eine komplementäre Anwendung weder übersehen noch verzögert behandelt werden.
Die beiden verbleibenden Quellen zeigen nicht, dass Gemmomazerate strukturelle Erkrankungen, eine sogenannte hormonelle Dysregulation, PMS oder Beschwerden in den Wechseljahren wirksam behandeln. Sie belegen auch keine synergistischen Effekte mit anderen naturheilkundlichen Verfahren. Eine komplementäre Anwendung kann eine erforderliche leitliniengerechte Diagnostik und Behandlung nicht ersetzen.
Fazit
Die Gemmotherapie ist ein komplementärmedizinisches und erfahrungsmedizinisches Verfahren. Ganz beschreibt ihren historischen Hintergrund und Grundzüge der Herstellung. Allio und weitere Forschende liefern für Tilia tomentosa einen präklinischen Befund an kultivierten Mausneuronen. Diese beiden Quellen belegen keine konkrete gynäkologische Wirksamkeit beim Menschen. Aus ihnen lassen sich weder eine Therapieempfehlung noch eine Dosierung, Einnahmehäufigkeit oder wirksame Kombination ableiten. Beschwerden in der Frauenheilkunde sollten medizinisch abgeklärt und erforderlichenfalls leitliniengerecht behandelt werden.
Quellen und Evidenzgrundlage
Ganz C. Gemmotherapie. Schweizerische Zeitschrift für Ganzheitsmedizin. 2013;25(2):80–81. DOI 10.1159/000348862. Frei zugänglicher Verlagvolltext. Überblick zu Geschichte und Herstellung, kein klinischer Wirksamkeitsnachweis.
Allio A, Calorio C, Franchino C, Gavello D, Carbone E, Marcantoni A. Bud extracts from Tilia tomentosa Moench inhibit hippocampal neuronal firing through GABAA and benzodiazepine receptors activation. Journal of Ethnopharmacology. 2015;172:288–296. DOI 10.1016/j.jep.2015.06.016. PMID 26144285. Frei zugängliches Autorenmanuskript im institutionellen Repositorium. Präklinische In vitro Studie an kultivierten Hippocampusneuronen von Mäusen.
